40 °C in Wien, zum ersten Mal seit Messbeginn. Rettungsdienste und Notfallaufnahmen an der Belastungsgrenze, wie zuletzt in den schlimmsten Wochen der Pandemie. Diese Woche wurde eine wissenschaftliche Studie veröffentlicht, die bestätigt, wovon wir seit Jahren reden:
Die nächtliche Abkühlung entscheidet darüber, wie viele Menschen eine Hitzewelle überstehen – und wie viele nicht.

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Das ist keine abstrakte Klimadebatte mehr, sondern eine Frage der Stadtplanung. Konkret, ob die Kaltluftschneise entlang der Felberstraße erhalten und gestärkt wird, oder – wie derzeit geplant – durch Hochhäuser und Betonterrassen behindert wird.
Die Realität der Hitzewelle Ende Juni
Der Wiener Mediziner Wolfgang Hagen dokumentierte die Hitzewelle Ende Juni in einem vielbeachteten Beitrag: Senior*innen, die mit über 41 °C Körpertemperatur aus überhitzten Wohnungen in die Notaufnahme gebracht wurden. Geräte auf Intensivstationen haben Betriebs-Maximaltemperaturen, wird diese überschritten, schalten sich ab. Patienten und Personal haben diese Möglichkeit nicht.
In Spanien wurden im Juni über 1.000 hitzebedingte Todesfälle registriert, in Frankreich starben binnen weniger Tage rund 1.000 Menschen mehr als üblich – die Bestattungsunternehmen in Paris mussten provisorische Kühlcontainer für die Leichen aufstellen.
Eine erste Hochrechnung des Umweltwissenschaftlers Christopher W. Callahan schätzt europaweit über 20.000 zusätzliche Todesfälle zwischen 22. und 28. Juni 2026. Die Größenordnung deckt sich mit den bereits offiziell aus Spanien und Frankreich gemeldeten Zahlen.
Wiener Studie: Die Nacht entscheidet!
Noch vor dem Höhepunkt der Hitzewelle erschien im Fachjournal Scientific Reports (Springer Nature) eine gemeinsame Studie von Forscher*innen der MedUni Wien und der Wiener Berufsrettung:
Zeiner, S., Rietzinger, S., Ledebur, K. et al. (2026): Effects of heatwaves on emergency medical service activity in Vienna: a 4-year analysis. Scientific Reports. DOI: 10.1038/s41598-026-55670-y
Die Studie wertet knapp 936.000 Rettungseinsätze in Wien zwischen 2018 und 2021 aus und verknüpft sie mit kleinräumigen Wetterdaten. Das zentrale Ergebnis: Nicht die Tageshöchsttemperatur ist der stärkste Risikofaktor, sondern die nächtliche Minimaltemperatur, die entscheidet, ob sich der Körper von der Hitzebelastung des Tages erholen kann:
- Eine Nacht mit einer Minimaltemperatur ≥20,5 °C: +6,5 % Rettungseinsätze
- Zwei Nächte in Folge: +9,0 %
- Vier Nächte in Folge: +12,9 %
- Am stärksten betroffen: Kinder und die Altersgruppe 76–85 Jahre
- Nach Ende einer Hitzewelle dauert es rund fünf Tage, bis sich die Einsatzzahlen normalisieren
- Die erste Hitzewelle einer Saison ist am gefährlichsten mangels Akklimatisierung
Wichtig für die Einordnung: Der höchste in der Studie untersuchte Schwellenwert lag bei einer Minimaltemperatur von 21,5 °C. In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni 2026 sank die Temperatur in der Wiener Innenstadt nicht unter 27,3 °C – fast sechs Grad über dem höchsten in der Studie modellierten Wert. Wie stark sich Rettungseinsätze bei einer derartigen Extremnacht tatsächlich erhöhen, konnte die Studie nicht abbilden.
Die regionale Verteilung der Einsätze bestätigt, dass die Bevölkerung in den dicht bebauten Innenstadtbezirken und in den klassischen Arbeiterbezirken besonders gefährdet ist, wie Rudolfsheim-Fünfhaus. Es zeigt sich auch bei den Rettungseinsätzen, dass Klima- und Hitzeschutz eine soziale Angelegenheit ist.

Warum Städte nachts nicht abkühlen
Der Stadtklimatologe Simon Tschannett erklärte im Ö1-Mittagsjournal Ende Juni: Versiegelte Flächen speichern tagsüber Wärme und geben sie in der Nacht nur langsam wieder ab. Verdunstung – über Boden und Vegetation – ist einer der wirksamsten Kühlmechanismen. Ohne funktionierende Nachtabkühlung verschärft sich die Hitzebelastung massiv.
Große, zusammenhängende, unversiegelte Grünflächen mit echtem Bodenkontakt sind keine gestalterische Zugabe, sondern funktionale Infrastruktur zur nächtlichen Abkühlung und damit, wie die Med Uni-Studie zeigt, ein Faktor mit direkter Wirkung auf die Belastung des Rettungswesens.
Zwei unabhängige, sich ergänzende Evidenzstränge – Notfallmedizin auf der einen, Stadtklimatologie auf der anderen Seite – zeigen in dieselbe Richtung.
Was die Stadt Wien bisher lieferte
- Im Regierungsprogramm 2025 bekennen sich SPÖ und NEOS ausdrücklich „zum Erhalt und zur Verbesserung von Frischluftbahnen und Kaltluftströmen“ (Koalitionsprogramm, S. 108)
Quelle: https://www.wien.gv.at/pdf/ma53/regierungsprogramm-2025.pdf - In der 12. Sitzung des Gemeinderats am 25. März 2026 wurde ein Antrag zur genauen Vermessung der Wiener Kaltluftströme abgelehnt – fünf Tage, nachdem die Stadt selbst öffentlich erklärt hatte, eine Klimasimulation sei „verpflichtend“.
Quelle: https://www.meinbezirk.at/rudolfsheim-fuenfhaus/c-politik/stadt-weist-kritik-an-ihren-plaenen-zum-westbahnareal-zurueck_a8543455 - In den Ausschreibungen „Mitte 15 / Westbahnhof“ (Mai/Juni 2025) kommen weder die Kaltluftschneise noch die biodiverse Böschung als verbindliche Anforderung vor – externe Klimaexpertise wird lediglich als Option erwähnt.
Quelle: Stellungnahme zu den Ausschreibungen „Mitte 15 / Westbahnhof“ - Für einen transparenten Bürger*innenbeteiligungsprozess braucht es nachvollziehbare Flächenangaben. Bei 6 ha Gesamtfläche entsprechen zwei Drittel Grünraum rechnerisch 4 und nicht 5 ha. Grundsätzlich ist zwischen Grünraum auf gewachsenem Boden und begrünten Dachflächen zu unterscheiden.
Quelle: Falsche Zahlen, Widersprüche, Kaltluft-Messung abgelehnt - Die als Begründung für eine Bebauung angeführte Aussage, die Kaltluft fließe „in über 40 m Höhe“ ab, widerspricht der eigenen Stadtklimaanalyse. Die bis zu 30 m hohe Bebauung entlang der Felberstraße bildet bereits eine Barriere.
Quelle: Der WESTBAHNPARK kommt jetzt … oder? - Am Westbahnareal ist eine betriebliche Nutzung bereits fix geplant, lediglich die Ausgestaltung soll im weiteren Planungsprozess konkretisiert werden.
Quelle: https://mitte15.at/infobrief-2 - Eine Verlagerung des Verkehrsaufkommens von der Felberstraße soll als vermeintliche Reduzierung abschnittsweise unterhalb des geplanten Grün- und Freiraums auf Ebene der Gleisanlagen realisiert werden.
Quelle: https://mitte15.at/infobrief-2
Anders gesagt: Die Stadt Wien bekennt sich zwar zu einem lebenswerten und klimaneutralen Wien, verweigert jedoch die Messung von Kaltluftströmen als verbindliche Planung zur Kühlung der Stadt, respektive Maßnahmen zur Erreichung der Klimaneutralität.
Fazit
Der Sommer 2026 führt jetzt schon vor Augen, dass der Klimawandel rasant voranschreitet und die Zeit für entscheidende Veränderungen knapp ist, deshalb gilt:
- großflächige, zusammenhängende Grünräume
- Entsiegelung als zentrale Maßnahme der Klimaanpassung
- Kühlung primär durch Beschattung und Verdunstung
- Nachtabkühlung ist gesundheitlich entscheidend
- Maßnahmen strukturell und zeitnah umsetzen
Gerade deshalb braucht Wien am Westbahnhof einen WESTBAHNPARK, der seine Klimafunktion erfüllt: als zusammenhängender Grünraum auf gewachsenem Boden, der die nächtliche Abkühlung sichert und damit Menschenleben schützt.

